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(Rede zur Ausstellungseröffnung im Landestheater Wolfen 1993)



Auf die am häufigsten gestellte Frage, der Frage nach meiner Motivation, habe ich keine Antwort. Denn eine routinierte Antwort auf diese Frage kann nur eine Konserve sein. Sie kann unversehens zur Lüge werden, wenn das Haltbarkeitsdatum überschritten ist. Zuviel haben wir bereits derlei gelöffelt, haben glatten Worten Glauben geschenkt, Meinungen übernommen, ohne die Inhaltsstoffe zu überprüfen. Die Folgen der Übersättigung mit Fertignahrung liegen auf der Hand. Der Umgang mit Konservierungsstoffe ist gefährlich. Altes seit hundert Jahren bewährtes Gedankengut, sieht taufrisch aus und ist leicht zu schlucken. Es kann verdorben sein, statt den Humus zu bilden für das Neue, was wir selbst ernten und selbst zubereiten müssen. Trotzdem möchte ich den Fragenden nicht allein lassen. Ich versuche zu beschreiben, wie ich die Kunst anderer erlebe.

In der Zeit als die Tiere noch sprechen konnten und das Wünschen noch half, mußte noch niemand der Wahrheit nachjagen, denn alle verstanden einander, alle träumten die gleichen Träume und fraßen einander in aller Unschuld. So war es, bevor das geschah, was den Menschen zum, Menschen machte - vor der Eiszeit - bevor wir lernten unsere Träume voreinander zu verbergen, bevor das Lügen aufkam. Die gute alte Zeit ist vorbei. Nur Menschen, die sich lieben oder an der gleichen Sache arbeiten, können einander noch einigermaßen verstehen. Wer sagt, was er für wahr hält oder wer seine Träume verrät, wird in Teufels Küche kommen oder für einfältig gehalten.

So versucht jeder für sich allein seine Träume nicht ganz aussterben zu lassen, die Erinnerung an das Paradies nicht ganz zu verlieren. Denn ohne sie wäre die Wirklichkeit in der wir leben, nicht zu ertragen, wäre die Hölle, an der wir alle fleißig bauen, nicht auszuhalten. Bilder und Lieder sind ein Ausweg aus unserem Zwiespalt. Zwischen den Zeilen in den Figuren, finden wir Träume und Wirklichkeit in einer Gestalt, Lamm und Wolf nebeneinander. Die schreckliche Wahrheit ist zu Ende geträumt. Die schöne Illusion ist verwirklicht. Wenn wir zwischen schönen Farben die schlimme Wahrheit ahnen, zwischen grimmigen Gestalten die Heiterkeit entdecken, ist es jenes Unausgesprochene, was uns anspricht, jenes Vergangene was gegenwärtig ist. E. M.

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