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Ausstellungseröffnung Eckart Meisel

HERR SONNE UND FRAU MOND

L+S Präzisionsguß GmbH / Wermsdorf, 21.11.2009



Verehrte Anwesende, lieber Eckart, liebe Anemone, und selbstverständlich begrüße ich auch Herrn Sonne und Frau Mond...



Als ich Eckart Meisel im Sommer 1988 erstmals begegnete, wollte ich eigentlich gar nicht zu ihm. Ich suchte nach der Malerin Anemone Meisel (Sikoralski), wollte mit ihr eine Ausstellung in der Kulturbund-Galerie Nord machen. Eine Galerie, in der seit einiger Zeit nur noch Künstlerinnen vorgestellt wurden. Kleiner eroberter Freiraum, in dem ziemlich viel möglich war.

Ich machte mich also auf in die Kohlenstraße, wo Anemone Meisel wohnen und arbeiten sollte. Hatte mich angemeldet. Düstere Gegend, rußig, wie ausgestorben. Der Name der Künstlerin war mir von einigen zugeflüstert worden, dass sie gut wäre, ungewöhnlich, mir gefallen würde. Dass es da noch einen Maler gab, zu dem Zeitpunkt keine Ahnung. Ich trat in das verfallende Haus, Jahrhundertwende, die schlechtere Ausführung, lief die ausgetretenen Stufen hinauf, suchte nach dem Namensschild, klingelte. Ein Mann öffnete die Tür, ließ mich eintreten, führte mich in die Küche. Dort saß Anemone Meisel am Tisch, aufrecht, rote Locken umrahmten ihr Gesicht, unnahbar. Ich war beeindruckt, und das in der Kohlenstraße, derweil Ameisen über das blank gescheuerte Holz des Tisches liefen und aus dem Fenster der Abwasserschlauch der Waschmaschine hing. Vier Kinder, schoss es mir bewundernd durch den Kopf-, ich konnte meine zwei kaum bändigen.

Eckart Meisel, Pfeife rauchend oder das was ich dafür hielt, hatte ein listiges Lächeln aufgesetzt, tat ahnungslos, freute sich auf die Ausstellung, zu der es ein Faltblatt und ein Plakat geben sollte. Wann es denn losgehen würde. Ich war verblüfft. Männliche Künstler waren nicht vorgesehen im Konzept der Galerie Nord. Meine Argumente berührten Eckart Meisel nicht, selbstverständlich würde er mit Anemone gemeinsam ausstellen. Ich konnte gar nicht anders, musste kapitulieren, zumal die beiden einen Ausreiseantrag laufen hatten, es würde ihre letzte Ausstellung im Osten sein.

Es war dann eine tolle Eröffnung, viele Menschen, alle interessiert. Verkauft haben beide, nicht nur die wunderbar bemalten keramischen Schalen und Töpfe, auch Bilder. Euphorie und gedrückte Abschiedsstimmung. Sie wären am liebsten geblieben und wollten am liebsten fort...

Dass mir nach 1990 von irgend jemandem mal wieder zugeraunt wurde, dass die Meisels wieder in Leipzig seien, gewundert hat es mich nicht, gefreut schon.

Das ist über zwanzig Jahre her. Die Bildwelten des Eckart Meisel haben sich seit dem verändert, auch wenn die ausufernde Grundstruktur, das Suchende, Getriebene geblieben sind. Da kämpft einer lustvoll mit dem Material, den Farben, den Gründen, dem was er will, es beim Malen zu fassen und zu begreifen. Ein zäher listiger Kerl, ein aus dem Mangel heraus Arbeitender, der sich über das Malen, das künstlerische Tun Leben, Lebendigkeit sichert. Es macht ihm Spaß, es fordert ihn heraus, es bestätigt ihn. Und noch immer greift bei ihm eins ins andere; sein soziales Sein, seine Malereien, seine keramischen Arbeiten, seine wie grad mal so hingeworfenen Texte, die am Computer entstehenden Grafiken, alles bedingt einander, feuert sich gegenseitig an.

Immer mehr scheint er in den letzten Jahren zu einer Art Regisseur geworden zu sein. Auf den Leinwänden zeigt er uns seine Bühnen, auf denen er Schauspieler auftreten lässt, die eigenwillig abstruse Szenen aufführen. Grotesk maskiert und verkleidet, verfremdet, hintersinnig oder ins Märchenhafte getrieben, agieren sie wie selbstverständlich in ihren gemalten Räumen.

Eckart Meisel hat dabei keine Hemmungen, warum auch, er sieht sich sowieso als Außenseiter, also greift er um sich, hat seinen Arbeiten in den letzten Jahren eine neue Dimension hinzugefügt, will sie gesichert wissen in den kulturell-künstlerischen Traditionen der Menschheit, gräbt nach alten Schöpfungsmythen, sucht nach Ritualen, kosmischen Zusammenhängen, Urmustern menschlichen Verhaltens, sie mit unserem heutigen Sein ins Verhältnis zu setzen. All das kombiniert er auf seinen Bildern, hin zu den ganz eigenen Meiselschen Bildmustern, die natürlich auch naiv spielend entstehen, aber noch lange keine naiven Bilder sind. Da weiß einer um die Bildsprache, geschult vor allem an der Französischen Kunst des vergangenen Jahrhunderts, Picasso und Matisse mögen als Hinweis genügen.

Ist schon ziemlich furios, was er da auf den Flächen macht, wie er seiner Kombinatorik und assoziativen Zusammenschau freies Spiel lässt. Man spürt die Hast des Machens, den Kraftakt, das Eruptive bei allen leisen Zwischentönen.

Gratwanderungen, bei denen es dem Künstler gelingt, Bilder erstehen zu lassen, geordnete Gefüge aus Farben und Liniengeflechten, die uns Einblicke erlauben, unsere Phantasie herausfordern. Malereien leicht dämmriger Farbigkeit, spröd, dünn aufgetragene mit Kasein vermischtes Öl, bei der immer wieder unerwartet Farbakzente aufleuchten, aus denen heraus die Bildräume wachsen, in die die Figuren und architektonischen Gebilde eingeschrieben werden.

Wenn man sich einmal eingesehen hat in diesen Bildkosmos, wird man begreifen, dass es viele Zugänge zu diesen Bildern gibt, und der eine erste, immer in uns selbst liegt, ob wir bereit sind, uns zu öffnen, unseren Augen und Empfindungen zu trauen, bereit auch das Augenzwinkern mitzulesen, das Schalkhafte nicht auszublenden und den Ernst mit dem all das grundiert ist anzunehmen.

Ja, dieser Maler erzählt, führt vor, und man kann seine Malereien surreal nennen. Traumzeugnisse, angehaltene Zeit, bei aller Hektik des Geschehens merkwürdige Ruhe. Doch es geht um uns, unsere Zeit. Die durch die Bühnenräume suggerierten Abstände schmelzen bei längerer Betrachtung.

Symbole und Spieglungen aller Art, in denen wir uns finden können, Verkleidungen, unter denen das heute lagert, bis hin zur Scheherezade, die die Geschichte vom Stern erzählt. In dieser Erzählerin können wir durchaus auch den Künstler sehen; wie er erzählt, direkt zugreift, raunt, flüstert, betört, sich Zeit zu stunden...

Helden seines Werkes sind vor allem Frauen, in ihrer ganzen Allmacht, Widersprüchlichkeit und Schönheit. Wir finden Madonnen, Göttinnen, Seherinnen und Mädchen, neben Parzen, die an eigenartig verschrobenen Maschinen noch immer Schicksale weben, es gibt Erzählerinnen, Verführerinnen, Retterinnen, z.B. die, die den Wassermann vom Eis holt, oder aber dumme Herrscherinnen, die wie aus Schneckenhäusern auffahren, wobei ihre Häuser jeden Moment zu Rollstühlen mutieren können.

Die Königin von Saba betritt das Land, alttestamentarische Figur, wird hier zu einer anderen Venus und bekommt, durch das eigenartige Gefäß in ihren Händen, gebildet aus einer Schlange, die sich in ihren Schwanz beißt, Züge der Pandora, vielleicht gerade dabei, neben den Plagen auch die Hoffnung in die Welt zu lassen. Meine Kleine Kali, nicht von ungefähr taucht sie in Meisels Werk auf. Göttin des Todes und des Lebens in einem. Ewige Gebärerin wie Todesbringerin. Verwandlung, Kreislauf der Natur. Leben, was ist das.- Auch Ariadne (Das Fadenspiel) fehlt nicht. Der Schicksalsfaden, das rote Wollknäuel, mit dessen Hilfe Theseus aus dem Labyrinth wieder zurückgefunden hat, nachdem er mit dem Schwert, das ihm Ariadne ebenfalls mitgegeben hatte, den Minotaurus getötet hatte. Sein Versprechen, bei Ariadne bleiben zu wollen, löste er nach seiner Heldentat nicht ein, sie blieb allein auf der Insel zurück...

Männer auf seinen Bildern sind die, die in die Welt ziehen, Abenteuer bestehen, Drachen zu töten haben. Häufig clowneske Gestalten, in Rüstungen gesteckte Reiter, merkwürdige Familienväter, verstrickt in Hierarchien. Gespensterhafte Helden, die einer Grille hinterher jagen, die aus einem Gemäuer springt wie von einer Fernsehscheibe. Bei der Heimkehr des verlorenen Sohnes tritt uns Abwehr entgegen, Herrschaft, statt Verstehen und Verzeihen.

Immer wieder treffen wir in diesem Werk auf Augen. Augen gepaart zu Schmetterlingsflügeln, unstet herumirrende Augen oder dem einen, allsehenden Auge Gottes. Uraltes Symbol zudem, und Meisel ist ein Maler, die Augen sein Medium, durch das er die Welt sieht. Bei der Malerei Einauge, Zweiauge und Dreiauge, ist das im Titel zitierte Märchen nur noch ferne Grundierung, da hier die Meiselsche Augen-Version gesponnen wird, eine von Macht und Ohnmacht, von Sehen und Blindsein. Es ist zu fühlen, die mögliche Falschheit, und dass das Sehen mehr ist als das Abspiegeln eines Bildes auf der Netzhaut, es ist Erkennen, sollte es zumindest sein.

Eines seiner beeindruckendsten Bilder der letzten Jahre ist für mich die Malerei Die vier Erzengel. Ausgerichtet nach den vier Himmelsrichtungen verteilen sich die Engel im kaum fassbaren Raum des Bildes um eine leere Mitte. Alles scheint zu splittern, sich in spitzigen Formen aufzulösen. Die Farben von gläserner Klarheit. Ungeheurer Vorgang, den man als Spielart des Jüngsten Gerichts lesen kann. Mühevoll versucht der Künstler Ordnung zu schaffen, die ihn umgebende Welt zumindest auf der Leinwand zu bändigen, mit Hilfe der Engel zu bannen, seiner Vision von Chaos und Unordnung Herr zu werden, sich damit auch seiner selbst zu vergewissern, auf der Leinwand das zu tun, was in der wirklichen Welt nicht auf diese Weise zu schaffen ist.

Daneben gibt es wunderbare Selbstbildnisse, offen, leise ironisch gebrochen. Selbst mit Uschebti. Doppelgängermotiv, Gespräch mit sich selbst. Da hält sich der, dem die roten Haare flammend zu Berge stehen, sein imaginiertes Ich vom Hals, das nicht weichen will. Wie sollte er das auch loswerden... Oder der gerüstete Reiter auf dem Vogeltier, das Herz auf der Brust, vor verschlossener Brücke. Über andere Verkleidungen will ich nicht spekulieren, finden sie sie selbst.

Ja, sich mit diesen Bildern zu beschäftigen, ist immer auch vertracktes Spiel. Deshalb Vorsicht vor zu schnellem Verstehen-Wollen. Da ist nicht alles bis zuletzt aufzulösen. Je mehr sie eindringen in diese Bildwelten, je näher sie ihnen zu kommen meinen, umso nachdrücklicher können sie sich wieder zurückziehen, und sie werden erneut einen Zugang suchen müssen. Doch das ist zugleich die Qualität dieser Arbeiten, ihr besonderer Reiz.

Zugleich gibt es Malereien, die keiner Erklärung bedürfen, die ganz in sich ruhen, aus sich heraus schwingen. Denen müssen wir uns nur vorbehaltlos öffnen, in sie zu gelangen. Ich meine die freien Landschaften, neue Töne in seiner Kunst. Geschaute Ordnung der Natur. Ja, auch sie sind mit Symbolen unterlegt, doch ihre atmende Weite kommt aus der Bildstruktur selbst. Wie sich der Himmel spannt, der Weg ins Innere führt, oder der Horizont aufleuchtet. Sie sind schön, das ist sehr viel.



Und freuen sie sich an den Skulpturen, die wie aus den Bildern herausgesprungen scheinen, sich uns in vollplastischer Präsenz zu zeigen. Ulkige Gestaltungen, Spaß und Ernst, Verwandlung und skurriles Spiel mit Größenverhältnissen und Symbolen. Der tapfere Georg, der gegen einen aufgeblasen wirkenden Drachen kämpft, und auch das Pferd noch auf seinem Kopf zu tragen hat, das sagenhafte Einhorn mit seiner Sänfte, die in sich ruhende Madonna mit der Spinne auf ihrem Fuß, die sich buckelnde Schlange. Entdecken sie diese Figuren, die sich frech oder majestätisch vor uns aufbauen, uns anzusehen... Sie werden dem Künstler nahe kommen, seinem listigen Lächeln, scheinbar arglosen Schauen, und ich sehe ihn wieder, wie er mir vor über 20 Jahren die Tür öffnete, wie er heut unter uns steht. Er wird weiter seine Bahn ziehen.

Ina Gille

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