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............Also, er malt noch, und wie er noch malt. Und immer noch scheint es ein ausuferndes, getriebenes Arbeiten zu sein, gespannt zwischen die Extreme, einerseits den Schönheiten des Lebens nahe zu kommen, das Helle, Lichte zu schauen und sich andererseits nicht abwenden zu können von Gewalt und Abgründigem, beides auch immer wieder als eng miteinander verwoben zu begreifen. Ein phantasierendes Arbeiten, hinter dem reale Erfahrungen stehen, direkte Auseinandersetzungen, Erlebnisse, die auf der Fläche ein eigenes Leben erwirken, autark werden, unabhängig, nicht aber denkbar ohne das soziale Umsfeld ihres Entstehens.

Eckart Meisels Arbeiten sind härter, konsequenter geworden, entschiedener auch was den formalen Aufbau betrifft. Sie haben etwas von der urbanen Anspannung, von der Spannung der letzten Jahre, vom dichten Gedrängtsein der Menschen in engen Räumen, seien es die konkreten Räume ihrer Existenz oder die ausweglosen Labyrinte ihres Inneren.

Die Räume seiner Bilder bauen sich aus Flächen die sich spiegeln und einander durchdringen, ungewöhnlich miteinander verzahnt werden, einen sich öffnenden Raum auch wieder in die zweidimensionale Enge zurückdrängen können. Die Figuren werden solange überzeichnet, verrückt, gedreht und gewendet, bis sie an die ihnen zugedachten Orte in diesen Raum-Flächen, passen, ihnen nun unverrückbar angehören, -manchmal wie eingefroren. Fast immer sind es tonige Farbakkorde, ohne glänzende Lichter, oft gebrochen ins Violett, aus erdigem Grün oder verhaltenem Ocker, halten sparsame Rots diese Raum-Flächen-Gebilde zusammen, schmieden sie in eine Gesamtstimmung.

Eckart Meisel versteckt seine Verehrung für Picasso nicht. Man sieht, daß hier einer nach dem großen Meister am Werk ist. Was ihm dabei gelingt, ist dieses Erbe auf originelle und eigenwillige Weise mit den schlingernden Selbstvergewisserungen der 90er Jahre, den floralen Ornamenten zu verbinden, gewiß ganz unbeabsichtigt. Und ihn interessiert nicht, ob man heute so malen darf, ob das modern und in Mode ist, ihn interessiert allein daß er es so macht, so machen muß. Den Preis für eine solche Haltung zahlt er seitdem er malt, dieser halbe Stadtindianer mit dem verträumten Ausdruck im Gesicht und der Zähigkeit eines Landstreichers.

Dabei ist er kein Moralist, nein, immer ist er auch selbst ein Stück der heillosen Welt, nimmt sich nicht aus aus dem Spiel um Macht und Ohn-Macht, wenn auch die Gewichte sehr ungleich verteilt sind. "Beim Sozialamt", ein beklemmend wahres Bild, mit einem die Dinge verkehrenden Sarkasmus gemalt. "Langhaariger und Skin", eine zaghafte Berührung........"Aufmarsch", Einbruch der Zerstörung, übermächtiger Stiefel, bleibt es ein Bild, ist eher alptarumschwer wie seine "Morgenröte", das kleine rosa Wölkchen im Schwarz des Himmels....Und Kain, der seinen Bruder erschlug, ein Schwarzer? Könnte die Geschichte auch anders erlaufen sein, Eckart Meisel als Kain ? Ausgeschlossen wird nichts.

"In Baden-Baden", urbanes Treiben, staunend sarkastisch beguckt, schillernd irisierende Farbe, das kennt man doch, woher nur, war es gestern an der Ecke oder ein Traumgesicht. Doch die Brechungen können auch unvermittelt skurril sein, gemalt mit der List und bösen Lust eines Sehenden.......Zugleich liebt der Künstler das Dasein, er mag die vielen Alltäglichkeiten die es ausmachen, sucht nach seinen Schönheiten. In den kleinen Akten, genrehaften Beobachtungen, manche federleicht, wie ein schöner Tagtraum, kann man es finden.

Fast überall ist der Künstler selbst anwesend, oft schlüpft er in Rollen, spielt, ist Gaukler. Die "Heimkehr des verlorenen Sohnes". Ist er der Verlorene, und war er überhaupt verloren oder waren es vielmehr die, die nun auf der langen Straße auf ihn warten. Nie sind die Antworten einfach zu haben. "Meine Frau und ich", zwei mit Federn geschmückte Häupter vor einer Wand, oder auf diese gemalt, Bild im Bilde?

Ja, poetisch, sind diese Malerein. Poetisch und schrill sarkastisch, locker geschrieben und grübelnd ermalt, bitter und süß, in einem längst vergessenen Wortsinn.

Nicht zu übersehen sind die keramischen Arbeiten des Künstlers; Gefäße und Krüge, Figuren, die die Familie quasi über Wasser halten, wie schon seit vielen Jahren. Harte Arbeit, oft gemeinsam mit seiner Frau, um Geld zu verdienen. Aber sie sind darüberhinaus mehr, sie sind das plastisch gewordene Arsenal seiner Bilder, ulkig und skurril, verrückt und geschraubt, blasiert und lustig, liebevoll und dreist. Sie stehen oder tanzen, beugen sich vorsichtig in den Raum oder füllen ihn mit unverschämter Selbstverständlichkeit. Die farbigen Glasuren werden zurückhaltend aufgebracht, gehen den Körpervolumen nach und bleiben der Farbe des gebrannten Tons verpflichtet, die überall noch durchscheint. Skurrile Klötze von machtvoller Fülle neben zerbrechlichen zarten Figürchen.


Weil ich es nicht besser könnte, zitiere ich am Schluß aus einem seiner Texte:

"Bilder und Lieder sind ein Ausweg aus unserem Zwiespalt. Zwischen den Zeilen, in den Figuren finden wir Träume und Wirklichkeit in einer Gestalt.....Wenn wir hinter schönen Farben die schlimme Wahrheit ahnen, zwischen grimmigen Gestalten die Heiterkeit entdecken, ist es jenes Unaugesprochene was uns anspricht, jenes Vergangene, was gegenwärtig ist."

Ina Gille

Auszüge aus einer Rede von Dr. Ina Gille, gehalten anläßlich der Ausstellungseröffnung von Eckart Meisel im Kunstkaufhaus Leipzig am 26.2.1998


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